Reichtum der Vergangenheit und Glanz der Gegenwart

Shalom - September 1990/Tischri 5751 - Vol. X

von Roland S. Süssmann

Die Kunstschätze der jüdischen Kultur, die in der ganzen Welt verstreut sind, in Museen, Nationalbibliotheken oder Privatsammlungen, verkörpern eine Quelle ständiger Bewunderung und Verklärung. Im Laufe der 80er Jahre fanden in Israel, in Europa und in den Vereinigten Staaten immer mehr Judaika-Versteigerungen statt, und die Preise erreichten oft astronomische Summen. Heute werden schöne Druck-Erzeugnisse und illuminierte Manuskripte immer seltener. Für die Auktionshäuser besteht die Schwierigkeit nicht mehr darin, Käufer zu finden, sondern genügend Material von hoher Qualität zusammenzubringen, um ein ständig anspruchsvoller werdendes Publikum anzuziehen. Ausserdem wachen die Sammler, die in den meisten Fällen keine finanziellen Probleme zu fürchten haben, eifersüchtig über ihren Besitz, welcher der weiteren Öffentlichkeit günstigstenfalls anlässlich einiger seltener Ausstellungen zugänglich sind.

Heute möchten wir Ihnen ein junges, traditionsverbundenes jüdisches Verlegerpaar vorstellen, das sich ganz besonders für sein jüdisches Kulturgut interessiert, LINDA und MICHAEL FALTER aus London. Das Paar Falter hat den Entschluss gefasst, seine Zeit und Kraft der „möglichst vollständigen und originalgetreuen” Reproduktion von herrlichen jüdischen illuminierten Manuskripten zu widmen, um auf diese Weise den Zugang und den Besitz dieser Kunstwerke vielen von uns zu ermöglichen. So haben sie 1985 die berühmte Kennicott Bible herausgebracht, wahrscheinlich die schönste illuminierte hebräische Bibel des spanischen Mittelalters. Der Schreiber Moses Ibn Zabara kopierte 1476 diese Bibel, sowie die Abhandlung über Grammatik des Rabbi David Kimchi, gemäss einem Auftrag des Isaak, Sohn des Don Solomo di Braga aus La Coruna im Nordosten Spaniens. Das Werk zählt 922 Seiten, wovon 238 Seiten auf wunderbare Weise illustriert sind. Die Illuminationen sind das Werk von Joseph Ihn Hayyim, der die Bibel in dem ihm eigenen Stil verziert hat. Seit dem Jahre 1872 befindet sich das Manuskript in der Bodleian Library in Oxford. Es trägt den Namen von Benjamin Kennicott (1718-1783); er war Engländer, Christ und Hebräischkundiger und lebte und arbeitete während seines ganzen Lebens in Oxford. Die Faksimile-Ausgabe der Kennicott Bibel wurde streng auf 550 Exemplare beschränkt.

1984, schon vor der Beendigung der Kennicott Bibel (deren Herstellung „nur” fünf Jahre gedauert hatte), beschlossen Linda und Michael Falter ein neues Abenteuer zu wagen. Sie entschieden sich dieses Mal für die Produktion eines gewichtigen Werkes, des Faksimiles eines unter dem Namen Rothschild Miscellany bekannten Buches. Es ist Eigentum des Israel Museums und besteht aus über 40 religiösen und weltlichen Schriften, die in einem Buch zusammengefasst sind. Unter den religiösen Werken befinden sich die Psalmen, die Sprüche, das Buch Hiob, die Haggadah von Pessach (Siehe SHALOM Nr. VIII) usw. Das Buch zählt insgesamt 948 Seiten, wobei 816 von ihnen prachtvoll illuminiert sind. Kein anderes, heute bekanntes jüdisches Buch weist die gleichen reichen Illuminationen auf wie das Rothschild Miscellany. Die Herstellung des Faksimiles machte übrigens bedeutende technologische Entwicklungen und Forschungsarbeiten erforderlich. Um eine möglichst vollendete und originalgetreue Reproduktion zu erhalten, haben sich die Herausgeber persönlich nach Italien begeben, um jede Produktionsetappe zu beaufsichtigen. Der Druck in sechs bis zwölf Farben, auf einem speziell für dieses Faksimile hergestellten Papier, und die Liebe zum Detail machen aus diesem Buch ein durch und durch aussergewöhnliches Werk, das all diejenigen erfreuen wird, die es erstehen werden. Auch hier wurde die Auflage auf 550 Exemplare begrenzt. Zur Zeit arbeiten Linda und Michael Falter an der Reproduktion der Barcelona Haggadah, dem Eigentum der British Library. Diese aus dem Mittelalter stammende spanische Haggadah umfasst 322 Seiten, davon 138 mit Illuminationen. Der für Ende 1990 vorgesehene Druck wird ebenfalls auf 550 Exemplare beschränkt sein. Dieses prachtvolle Manuskript befindet sich seit 1844 im Besitz des British Museums. und seine Produktion wird unter denselben Bedingungen und unter denselben Qualitätsanforderungen stattfinden wie die ersten beiden Werke der Faksimile Editions.

Welches waren die Gründe, die Sie veranlasst haben, dieses grosse „Abenteuer” in Angriff zu nehmen, d.h. die Produktion von Faksimiles jüdischer Werke in höchster Qualität ?

(Michael Falter). Das Gebiet des Drucks und der Druckereimaschinen stellte in meiner Familie eine Tradition dar, die vom Vater an den Sohn weitergegeben wurde, zunächst in Prag. dann in Wien und zuletzt in London. An einem Sonntag nachmittag habe ich mich ins British Museum begeben, in die King's Library, wo ich herrliche hebräische Manuskripte mit Illuminationen sah. Dies gab mir sofort die Lust und die Idee. sie zu reproduzieren. Nach mehreren Anfragen wurde ich in der Bodleian Library in Oxford vorgestellt, wo ich die Kennicott Bibel bewundern konnte. In dieser Woche lernte ich auch diejenige kennen, die meine Frau werden sollte. Linda. und hei unserem zweiten Rendez-vous schlug ich ihr vor. gemeinsam nach Oxford zu fahren, um uns die Kennicott Bibel anzusehen. Wir beschlossen, das Wagnis der Produktion auf uns zu nehmen, und nach zwei Jahren voller Anfragen, Nachforschungen und Kontakten zu Druckereien usw. konnten wir einen Vertrag mit der Bodleian Library von Oxford abschliessen. Die ursprüngliche Idee und das anfängliche Hobby waren zu einem Beruf. zu einer harten und ernsthaften Arbeit geworden.

Trotz Ihrer Begeisterung und der Familientradition von Michael besassen Sie praktisch keine Erfahrung in diesem sehr speziellen Bereich. Und dennoch haben Sie beschlossen, es zu riskieren. Weshalb und wie kam es dazu ?

(Linda und Michael Falter). Die Hauptschwierigkeit lag darin, dass wir keinen Drucker finden konnten, der ausreichend Erfahrung und die geeignete Ausrüstung besass, um unsere Vorstellungen in die Tat umzusetzen. Wir hatten eine Reihe von Tests hei verschiedenen Druckereien durchführen lassen, die jedoch alle gleich ungeeignet und kostspielig waren. Eines Tages kontaktierten wir einen Drucker in Mailand, der uns kurze Zeit später mit seiner Tochter, die Englisch sprach, und mit einem bereits realisierten Exemplar seiner Arbeit in London aufsuchte. Da er sichtlich den Wunsch hegte und auch fähig schien, unseren Vorstellungen entsprechend zu produzieren, begaben wir uns zusammen nach Oxford, um ihm das Original zu zeigen. Als er es sah, veränderte sich seine Miene, und er sagte uns, er könne diese Arbeit nicht ausführen. Seiner Ansicht nach gab es keine Maschine, die gross genug gewesen wäre, um das Gold in dem von uns gewünschten Papierformat zu drucken. Dank seinen Beziehungen und seiner Erfahrung auf dem Gebiet der Druckmaschinen, fand Michael die Maschine, die wir aber letztlich nicht verwenden konnten, da das Gold von Hand auf jede Seite aufgetragen werden musste. Wir wollten, dass unsere Faksimiles so weit wie nur möglich dem Original glichen. nicht nur im Hinblick auf die Texte und die Dekorationen, sondern auch in bezug auf das Papier, das demjenigen des einzigen existierenden Beispiel von Oxford so nahe wie möglich kommen sollte. Dazu liessen wir ein spezielles Papier herstellen, das in seiner Undurchsichtigkeit und Dicke dem Original entsprach. Eines Tages. als das Papier dem Drucker übergeben werden sollte, teilte uns dieser mit, dass er nicht mehr mit uns arbeiten könnte, wenn wir auf der Beibehaltung dieses Papiers bestünden. Wir fragten ihn nach dem Grund. Da zeigte er uns eine Liste mit 26 Fehlern dieses Papiers. Wir gingen zum Hersteller, der sich einverstanden erklärte, die 26 Verbesserungen durchzuführen. Die Reproduktion des Textes an sich geschieht durch Fotografie. so dass Fehlerquellen ausgeschlossen werden. Der Text wird auf diese Weise originalgetreu wiedergegeben.

Denken Sie nicht, dass die Herstellung des Rothschild Miscellany aufgrund all dieser Erfahrungen einfacher gewesen wäre als diejenige der Kennicott Bibel. Es handelt sich um ein völlig unterschiedliches Vorgehen, sei es „nur” wegen des Alters des Papiers, wegen der grossen Anzahl von Illuminationen, der Reliefvergoldungen, die von Hand ausgeführt werden mussten, ohne den aussergewöhnlichen Einband mit den silbernen Verschlüssen zu erwähnen. Diese Produktion dauerte schliesslich nur vier Jahre anstelle von fünfeinhalb, wie dies für die Kennicott Bibel der Fall gewesen war.

Sie stellen wahrhaftig sehr schöne Produkte her. Aus welchen Gründen entschliesst sich eine Person, eines dieser Faksimiles zu kaufen, die trotz allem recht kostspielig sind ? Wie sieht Ihre Kundschaft aus, und wie erklären Sie sich das Phänomen, dass immer mehr Faksimiles hergestellt werden, was offensichtlich einer Nachfrage entspricht ?

Im vorliegenden Fall kommt der Kauf des Originals gar nicht in Frage, da es nie zum Verkauf angeboten werden wird. Das einzige Mittel für einen Bibliophilen, dem Original so nahe wie möglich zu kommen, ist der Besitz einer Reproduktion. Darüber hinaus stellen unsere Faksimiles keine Kunstwerke dar, die nur bewundert werden sollen, sondern Gegenstände, mit einem gewissen Wert natürlich, die zum Gebrauch bestimmt sind. Uns ist mehr als ein Fall bekannt, wo zum Beispiel am Freitag abend das Familienoberhaupt die Parascha der Woche mit seiner Familie studiert, indem er dafür die Kennicott Bibel verwendet. Unsere Kunden, zu denen Institutionen sowie Privatpersonen gehören, schreiben uns regelmässig und teilen uns ihre Gedanken mit zu ihrem Kauf und zu der Art und Weise, in der sie das Buch benützen. Ein Teil unserer Kundschaft besteht aus Personen, die eine Beziehung zu ihren Wurzeln herzustellen suchen. Andere kaufen unsere Werke, damit sie zum Familienbuch werden, zum Gegenstand, durch welchen sich die Familie mit dem Judentum identifiziert, und der vom Vater auf den Sohn übergehen wird. Es ist interessant festzustellen, dass einige unserer Kunden nicht über die Mittel verfügen, unsere Faksimiles zu erwerben, und dass sie dazu Schulden auf sich nehmen.

Was aber das Phänomen als solches angeht, denken wir, dass es sich auch durch die Tatsache erklären lässt, dass es nur sehr wenige herrliche hebräische Manuskripte auf dem Markt gibt, und dass diejenigen, die an Versteigerungen gehandelt werden, schwindelnde Preise erreichen. Die Herstellung von Faksimiles ist sehr ausgedehnt. Es gibt billige Verlage für die Allgemeinheit, die ihren Zweck erfüllen, und am anderen Extrem findet man sehr hochstehende Produkte, die anderen Bedürfnissen entsprechen. Wir sind jedoch die einzigen, die fast tausendseitige Bücher herstellen. Die meisten günstigeren Reproduktionen werden auf andere Art produziert und umfassen nur hundert bis hundertfünfzig Seiten.

DAS HEBRÄISCHE FAKSIMILE

Die erste Faksimile-Reproduktion eines hebräischen Manuskripts stammt aus dem Jahre 1898. Es handelt sich um die Sarajewo Haggadah; die meisten der illustrierten Seiten wurden mit dem Lichtdruckverfahren in Schwarzweiss reproduziert, da die wenigen Bilder in Farbe durch Chromolithographie entstanden waren. Dieses Faksimile war mit einem Begleitband versehen.

Seit 1898 wurden zahlreiche Faksimiles von illuminierten hebräischen Manuskripten hergestellt. Die bekanntesten sind die Haggadot (siehe SHALOM Nr. VII I, „Die Kunst der Haggadah”). Die Haggadah von Darmstadt aus dem 15. Jahrhundert wurde 1927-28 in Leipzig reproduziert und 1971-72 neu herausgegeben. Unter den anderen bedeutenden Handschriften, die als Faksimile reproduziert wurden, befinden sich das Machzor von Leipzig, das Machzor von Worms, das Pentateuch von Castellazzo und, natürlich, die Kennicott Bibel und die Rothschild Miscellanny. Alle diese Faksimiles wurden in sehr beschränkten Auflagen herausgegeben, begleitet von einem Kommentar, der von einem oder mehreren Gelehrten über die Bibliographie und den künstlerischen und historischen Wert des besagten Bandes geschrieben wurde. Dazu gehören ebenfalls eine Untersuchung des Pergaments, der verschiedenen Schriftformen und Illustrationsstile. Die Herstellung von Faksimiles höchster Qualität verlangt grosse Erfahrung und aussergewöhnliche Detailtreue. Moderne Techniken ermöglichen den Druck von weniger ausgearbeiteten und billigeren Faksimiles, wie beispielsweise die Kaufmann Haggadah (1957) und die Sarajewo Haggadah desselben Jahres, die von Cecil Roth realisiert wurde. 1985 wurde die Londoner Haggadah herausgegeben, und eine ganze Reihe von Haggadot des 18. Jahrhunderts wurden vor kurzem in Israel gedruckt. Die Faksimiles spielen auf dem Markt des jüdischen Verlagswesens der Gegenwart eine bedeutende Rolle.

Jennifer Breger

Heute ist Ihr Ruf als Verleger für höchste Qualität gefestigt. Gibt es Leute, die mit Ihnen Kontakt aufnehmen, damit Sie ein Faksimile eines Manuskripts herstellen, das sich in ihrer Sammlung befindet ?

Wir werden nicht nur regelmässig von Sammlern angesprochen. die Manuskripte besitzen, sondern auch von Druckern, die zu uns kommen, um vielleicht unsere Faksimiles produzieren zu können, oder um unsere Techniken zu studieren. Vor kurzem wurden wir von einer der grössten Bibliotheken der Welt angefragt, ob wir ein Faksimile ein zweites Mal herstellen könnten, da die erste Version unbefriedigend ausgefallen war. Wir haben beschlossen, dieser Anfrage Folge zu leisten.

Während des Produktionsvorgangs ist es unvermeidlich, dass eine gewisse Reihe von Verlusten auftritt. Nach jüdischer Gesetzgebung ist es jedoch verboten, Schriften wegzuwerfen oder zu vernichten, die den Namen G'ttes tragen, vor allem wenn er voll ausgeschrieben ist. Wie haben Sie dieses Problem gelöst, das sich auch auf das Druckmaterial bezieht, das zerstört werden muss ?

Wir haben uns ans Beth Din in London gewandt, das uns die Erlaubnis gab, sowohl das Papier als auch das übrige Druckmaterial, das den Namen G'ttes trug, zu vernichten, nachdem wir während einigen Jahren tonnenweise Papier gelagert hatten.

Können Sie abschliessend von sich behaupten, dass Sie glückliche Verleger sind ?

Ja, denn auf unserem Gebiet, wie in vielen anderen, entspricht die Befriedigung der Anstrengung, die in unserem Fall sehr gross ist. Die meisten unserer Kunden sind unsere Freunde geworden, und wir geniessen das grosse Privileg, uns in einem Bereich zu betätigen, in dem sich unsere Geschichte, unsere Religion und unsere Philosophie auf schönste Weise ausdrücken: den illuminierten Manuskripten.