Der Kain-und-Abel-Kreis.

Der Kain-und-Abel-Kreis ist auf zwei Ebenen dargestellt. Die erste Abbildung zeigt das Opfer von Abel und das von Kain; das zweite hingegen thematisiert den Mord an Abel und die Zurechtweisung von Kain durch Gott-Christus.

Der Kreis entfaltet sich in zwei Reihen mit jeweils zwei Szenen. Eine dicke rote Linie unterstreicht die Einheit des gesamten Szene. Die Handlung tritt aus Türen heraus und muss von links nach rechts und von oben nach unten gelesen werden. Bei der Darstellung von Gott mit Merkmalen des Christus kann es nur um einen Beitrag eines christlichen Künstlers handeln, während der Tod durch einen Biss einer jüdischen Quelle entstammt. Mindestens zwei Wege der Auslegung bzw. Denkarten sind hier zulässig. Entweder folgte der Maler, zumindestens für einige der Miniaturen, den Anweisungen von Rabbi Moses Arragel oder er verwendete ein christliches Modell, das die oben genannten Merkmale bereits aufgewiesen hat. Man darf darüberhinaus vermuten, dass ein hebräisches Manuskript oder eins, dass von Juden benutzt wurde, als Vorlage gedient hat, doch sind wir nicht in der Lage, irgendeine dieser Theorien zu beweisen. Die Hand des Künstlers scheint von seinem Wissen des biblischen Textes und jüdischer Literatur geleitet worden zu sein.

Die Miniatur betont die Brutalität und den abstoßenden Aspekt von Kains Tat. Die Haltung Kains beim Töten von Abel erinnert an die eines wilden Tieres über seiner Beute, eine Szene die in mittelalterlichen Bestiarien üblich ist. Ein Biss mit Todesfolge ist selten - und praktisch niemals mit Menschen - bildlich dargestellt. Das Motif findet sich manchmal in Haggadot, doch nie-mals in solchem Detail. Die Opfer von Kain und Abel werden nicht selten in Zusammenhang mit dem Mord an Abel dargestellt, doch Gotts Tadel, selbst durch einen Engel, findet sich sonst nur noch in der Goldenen Haggada (Add. MS 27210) Fol. 2v, der Katalan Haggada (MS 2884) Fol. 2r und der Sarajevo Haggada, Fol. 4.